Blind für Veränderung?

Wie wirklich ist die Wirklichkeit oder gab es die Risse schon vor der Sprengung?

 

Vorgänge, die sich unterhalb einer bestimmten Geschwindigkeit abspielen, werden nicht immer wahrgenommen. Erst wenn man nach einiger Zeit bewusst hinschaut, bemerkt man z. B. dass der Rasen schon wieder zu lang ist, sich Staub in den Ecken anlagert usw. Man sieht, dass sich Personen, mit denen man täglich zu tun hat, die Haare haben schneiden lassen, bemerkte jedoch nicht, wie sie stündlich und täglich immer länger wurden. Gleiches gilt auch für Risse im Gebäude. Praktisch jedes Gebäude hat Risse. Der Grund liegt neben Setzungs- Abnutzung- und Alterungserscheinungen vorwiegend in der thermischen Belastung und in der unterschiedlichen Ausdehnung einzelner Baukörper bei Temperatur- bzw. Feuchtigkeitsänderungen. Für eine Person, die in diesem Gebäude lebt, ist die Rissentstehung zu langsam um wahrgenommen zu werden. Erst wenn die Person durch ein bestimmtes Ereignis dazu gebracht wird den Zustand des Hauses zu überprüfen, werden die Risse bemerkt. „Unser Haus hat keine Risse, wir sind doch Baumeister“ hat einmal eine Baumeistersgattin vollmundig dem Sachverständigen vor der Besichtigung erklärt. Dabei gab es in manchen Bereichen des Gebäudes zentimeterbreite Risse. Sie wurden nicht wahrgenommen. Das Ereignis, aufgrund dessen die Risse wahrgenommen werden, kann z. B. eine Sprengung sein. („Um Gottes willen! So eine furchtbare Erschütterung! Hoffentlich ist beim Haus nichts passiert…. Und dann sieht man schon die Risse.) Es kann aber auch eine Begehung des Hauses vor der Sprengung sein. Im ersten Fall hat der Sprengbefugte ein Problem, im zweiten Fall wird der Hausbewohner bzw. –Besitzer möglicherweise eine kleine Krise durchleben. Nach 20 Jahren Arbeit im Bereich Sprengschäden und –Erschütterungen gewinnt man die Erkenntnis, dass die Mehrzahl der Schäden nicht durch Sprengerschütterungen verursacht wurden sondern bereits vorher bestanden (bzw. bestanden haben müssen). In den meisten untersuchten Fällen reichte die Energie der Sprengung nicht annähernd aus, um schadensrelevante Erschütterungen zu produzieren. In vielen Fällen hat man Infraschallereignisse (Lärm mit < als 16 Hz) als Erschütterungen fehlinterpretiert. Sehr niederfrequente Schallwellen werden nicht mehr als Schall wahrgenommen. Sie breiten sich wesentlich weiter aus als höherfrequente Schallwellen oder Erschütterungswellen und regen Fenster, Türen oder andere glatte Flächen zu Schwingungen an. Dann hört der Hausbewohner ein Rattern, Klirren etc. und schreibt diese Wahrnehmung fälschlicherweise Sprengerschütterungen zu. Wenn er dann beginnt, nach Rissen zu suchen, wird er mit Sicherheit auch solche finden, die er noch nie vorher bemerkt hat, sie anschließend den Sprengerschütterungen zuschreiben und sich beschweren.  Es ist anschließend fast unmöglich, den Leuten die wahre Ursache der Schäden klarzumachen. Niemand hält sich für derart blind, Risse jahrelang nicht bemerkt zu haben. Und doch ist es so! Der Gegenbeweis ist dann immer die Untersuchung vor der Sprengung. Je zeitnäher zur Sprengung Vor- und Nachuntersuchung stattfindet, desto schwieriger ist es, vorher noch nicht beschriebene Risse zu entdecken. In manchen Fällen verschwanden (vermutlich durch thermische Effekte) Risse völlig und die angeblich geschädigten Hausbewohner konnten sich beim Besichtigungstermin gar nicht genug über diesen „Zahnarzteffekt“ wundern. Auf YouTube gibt es einige Filme, anhand derer man den Effekt von selektiver Wahrnehmung demonstriert.  Z. B. https://www.youtube.com/watch?v=hhXZng6o6Dk

Paul Watzlawick (https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Watzlawick)  hat zum Thema „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ ein amüsantes und aufschlussreiches Buch verfasst. Es handelt zwar nicht von Sprengschäden, aber einige der beschriebenen Phänomene erinnern stark an die eben beschriebene Problematik. Auch Daniels J. Simons hat eindrucksvolle Studien zu diesem Thema verfasst. Der YouTube link bezieht sich auf eines seiner Videos.

Unser Problem sind meist bemerkte Risse und keine Erschütterungsrisse. Daher ist es extrem wichtig, die benachbarten Gebäude bereits vor der Sprengung zu untersuchen und genau zu dokumentieren.


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